
Lesezeit: etwa 25 – 30 Minuten
Dieses kostenlose Kapitel ist eine eigenständige Vorgeschichte zur Buchreihe und nicht Bestandteil von Band 1 „Der neue Job – Ein Einstieg mit Umwegen – Erster Abschnitt“.
Das Sandkorn, das ins Getriebe geriet
Der Morgen war sonnig. Nicht einfach nur freundlich sonnig, sondern bereits um kurz nach acht auf eine Weise warm, die erkennen ließ, dass der Tag seine Kompetenzen überschreiten würde. Die Luft stand über den Straßen, die Autos glänzten, und selbst die wenigen Menschen, die zu Fuß unterwegs waren, bewegten sich mit dieser leicht gereizten Langsamkeit, die entsteht, wenn der Sommer früher mit der Arbeit beginnt als man selbst.
Mein ursprünglicher Plan hatte anders ausgesehen. Ankommen. Den Koffer im Flur noch ein wenig ignorieren. Kaffee auf der Terrasse trinken. Danach den Rechner einschalten und im Homeoffice langsam wieder herausfinden, welche meiner Passwörter den Urlaub überlebt hatten. Ein vernünftiger Plan. Also einer, der keine Chance hatte.
Am Abend zuvor war die Nachricht gekommen: Morgen bitte alle ins Büro. Es gibt eine wichtige Mitteilung. Anwesenheit erforderlich.
Wichtige Mitteilungen waren selten dafür bekannt, dass anschließend jemand sagte: „Wir wollten euch nur gemeinsam mitteilen, dass alles hervorragend läuft und ihr ab sofort weniger arbeiten müsst.“
Theoretisch war das möglich. Theoretisch konnte man auch einen Drucker kaufen, der sich zuverlässig mit dem WLAN verband. Beides war mir bisher nicht begegnet.
Ich plante also spontan, freiwillig und vollständig gezwungenermaßen um.
Als ich das Haus verließ, stand der Koffer noch immer im Flur. Offen, aber nicht leer. Einige Kleidungsstücke lagen darin, als wären sie sich selbst noch nicht sicher, ob die Reise wirklich beendet war. Daneben stand eine Tüte mit all den Dingen, die unterwegs irgendwann ihre feste Zuständigkeit verloren hatten: Ladegeräte, zwei ungeöffnete Wasserflaschen, eine zerknitterte Straßenkarte und ein Prospekt aus Frankreich, den niemand bewusst eingesteckt hatte und den vermutlich auch niemand jemals lesen würde. Er war trotzdem mit uns nach Hamburg gekommen. Manche Dinge hatten ein erstaunliches Durchhaltevermögen, sobald niemand für ihre Entsorgung zuständig war.
Jana stand in der Küche und räumte etwas ein.
„Du wolltest doch heute von zu Hause aus arbeiten“, sagte sie.
„Ja, wollte ich.“
„Und jetzt?“
„Jetzt soll ich ins Büro. Wichtige Mitteilung.“
Sie hielt kurz inne. Nur kurz. Aber lang genug, dass mein inneres Frühwarnsystem den Kopf hob und sich erkundigte, ob bereits ein Vorgang angelegt werden müsse.
„Weißt du, worum es geht?“
„Nein.“
„Hast du eine Vermutung?“
„Mehrere, aber keine davon hat mir Kaffee angeboten.“
Sie sah mich einen Moment lang an. Nicht misstrauisch. Eher so, als würde sie prüfen, ob hinter meinem Satz bereits etwas lag, das ich selbst noch nicht sehen wollte. Dann nickte sie.
„Melde dich später.“
„Mach ich.“
Lina rief mir von oben ein müdes „Tschüss, Papa“ entgegen. Lara war vermutlich ebenfalls wach, hatte sich aber noch nicht dazu entschieden, den Tag offiziell anzuerkennen. Das konnte ich nachvollziehen. Manche Tage sollten vor ihrer Zulassung erst einmal belegen müssen, dass sie etwas Sinnvolles vorhatten.
Ich nahm meine Tasche und ging hinaus.
Quer durch halb Europa waren wir gefahren. Hamburg, München, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, Paris und alles, was dazwischen, daneben oder aus familiärer Sicht unbedingt noch kurz angesehen werden musste. Amsterdam hatten wir zwei Tage nach unserer ersten Rückkehr nachgeholt, weil eine abgebrochene Reise offenbar erst dann vollständig beendet war, wenn man sie nachträglich wieder aufnahm.
Orte, Straßen und Hotelzimmer lagen in meinem Kopf noch näher beieinander, als sie es auf einer Landkarte jemals konnten. Kreisverkehre, Autobahnen, Mautstellen, Frühstücksräume und Parkhäuser hatten sich zu einer einzigen langen Erinnerung verbunden, in der nie ganz klar war, in welchem Land gerade jemand Hunger hatte oder genervt war. Meistens beides.
Erst vor wenigen Tagen waren wir zurückgekommen. Mein Körper war wieder in Hamburg. Der Rest musste noch nachkommen.
Das Büro lag in einem modernen Gebäude mit großen Fenstern, hellen Fluren und einer Klimaanlage, die sich offenbar vorgenommen hatte, den Sommer nicht nur auszusperren, sondern persönlich zu beleidigen. Als ich aus der Hitze hineinkam, beschlug meine Brille kurz. Ein angemessener Empfang. Ich war anwesend, konnte aber zunächst nichts erkennen. Im Grunde eine gute Vorbereitung auf wichtige Unternehmensmitteilungen.
Im großen Gemeinschaftsraum standen bereits fast alle Kollegen. Auf einem langen Tisch lagen belegte Brötchen, daneben zwei Thermoskannen Kaffee, Wasserflaschen und ein Teller mit Gebäck, der vermutlich vermitteln sollte, dass die angekündigte Mitteilung mit Butterhörnchen weniger bedrohlich wirkte. Das gelang nur begrenzt. Ein Butterhörnchen hatte viele Fähigkeiten. Personalentscheidungen gehörten nicht dazu.
„Da ist ja unser Europareisender“, rief Dennis aus dem Vertrieb.
Dennis war ungefähr in meinem Alter, wirkte morgens aber grundsätzlich so, als hätte er bereits zwei Termine gewonnen und einen Parkplatz persönlich überzeugt, ihm zur Verfügung zu stehen. Er trug ein helles Hemd, dessen Ärmel exakt gleichmäßig hochgekrempelt waren. Bei mir sah so etwas immer aus, als hätte ich unterwegs spontan ein Waschbecken repariert.
„Wie war’s?“, fragte er.
„Lang.“
„Ich meinte den Urlaub.“
„Ich auch.“
Er lachte und reichte mir die Hand. Sein Händedruck war fest, aber nicht so fest, dass man anschließend den nächsten Kollegen mit links begrüßen musste.
Claudia aus der Buchhaltung kam ebenfalls zu mir. Sie war eine dieser Personen, die selbst bei einem lockeren Zusammenkommen einen Kugelschreiber dabeihatten. Nicht irgendeinen. Ihren. Vermutlich war er inventarisiert, abgeschrieben und gegen unbefugte Benutzung versichert.
„Ihr wart doch in Spanien, oder?“
„Unter anderem.“
„Unter anderem?“
„Wir haben uns bemüht, möglichst viele Länder in möglichst kurzer Zeit wirtschaftlich zu unterstützen.“
„Und? Hat es geklappt?“
„Die Kreditkartenabrechnung wird das bestätigen.“
Neben ihr stand Marcel aus dem Lager. Groß, breit und mit der entspannten Haltung eines Mannes, der wusste, dass in seinem Bereich zwar niemand etwas fand, er selbst aber alles. Marcel sprach nicht viel. Dafür konnte er aus einem Karton, den drei andere Menschen bereits erfolglos durchsucht hatten, genau das benötigte Teil hervorholen. Niemand wusste, wie er das machte. Vermutlich gehörte der Lagerbestand ihm und wir durften ihn nur benutzen.
„Paris?“, fragte er.
„Auch.“
„Eiffelturm?“
„Gesehen.“
„Oben gewesen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ausreichend Höhen und Tiefen.“
Marcel nickte langsam.
„Verständlich.“
Ich war nicht sicher, ob er es wirklich verstanden hatte. Aber Marcel konnte einen Satz stehen lassen, ohne ihn sofort auseinanderzubauen. Das war eine unterschätzte soziale Fähigkeit. Viele Menschen hielten Schweigen für eine Aufforderung, noch etwas hinzuzufügen. Marcel hielt es für eine vollständig akzeptable Gesprächsform.
Für einige Minuten fühlte sich alles normal an. Vielleicht sogar angenehm normal. Menschen begrüßten sich, verglichen Urlaubsziele und erzählten von Baustellen, Kindern, Autos, Krankheiten und Nachbarn. Die Kaffeemaschine arbeitete im Dauerbetrieb. Papier raschelte. Tassen klirrten. Irgendwo lachte jemand zu laut über etwas, das vermutlich nur mittelmäßig lustig gewesen war. Aber das war in Ordnung. Manchmal lacht man nicht nur über einen Witz. Manchmal lacht man, damit der Raum weiteratmet.
Ich nahm mir ein Käsebrötchen und einen Kaffee. Der Kaffee war stärker, als ich erwartet hatte. Vielleicht hatte jemand geahnt, dass wir Unterstützung benötigen würden. Vielleicht war die Kaffeemaschine auch nur schlecht eingestellt. Beides erfüllte in diesem Moment denselben Zweck.
Dann sah ich Josy.
Sie stand ein Stück entfernt neben dem Fenster und sprach mit einer Kollegin aus dem Kundenservice. Ihr dunkles Haar hatte sie locker zurückgebunden. Sie trug eine helle Bluse, eine schmale schwarze Hose und dieses ruhige Lächeln, das bei ihr nie so wirkte, als würde sie es beruflich einsetzen.
Josy war einige Jahre jünger als ich. Nicht sehr viel. Nur genug, dass sie mich gelegentlich einen Moment länger ansah, wenn ich etwas sagte, das vermutlich aus der Zeit vor ihrer ersten eigenen E-Mail-Adresse stammte.
Wir arbeiteten nicht direkt zusammen, begegneten uns aber häufig. Bei Besprechungen, in der Küche, auf dem Flur und gelegentlich an meinem Schreibtisch, wenn etwas nicht funktionierte. Dabei besaß sie eine Fähigkeit, die sie von vielen anderen Menschen unterschied: Sie konnte eine technische Störung so beschreiben, dass man anschließend ungefähr wusste, worum es ging.
Sie sagte nicht: „Der Computer geht nicht.“
Sie sagte: „Seit dem Neustart öffnet sich das Programm, aber die Anmeldung bleibt hängen.“
Das allein machte sie in meinen Augen bereits außergewöhnlich. In der IT entwickelte man Sympathie manchmal an sehr merkwürdigen Stellen.
Sie bemerkte mich und löste sich aus dem Gespräch.
„Du bist wieder da.“
„Das wurde mir heute Morgen ebenfalls mitgeteilt.“
Sie lächelte.
„Wie war die Reise?“
„Europa steht noch.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Aber eine wichtige Information.“
Sie blieb vor mir stehen. Etwas näher, als die meisten Kollegen es taten. Nicht unangenehm. Nicht eindeutig. Nur näher. Bei anderen Menschen fiel mir so etwas selten auf. Bei ihr schon.
Die unerwartete Nähe traf in meinem ohnehin noch mit Reiseerinnerungen, Familiengedanken und der angekündigten Mitteilung ausgelasteten Kopf auf begrenzte freie Kapazitäten. Mein inneres Gremium stellte eine drohende Überlastung fest und berief deshalb vorsorglich eine Sitzung ein. Nicht, weil bereits etwas passiert war. Sondern weil in meinem Kopf gern frühzeitig über Dinge beraten wurde, die man anschließend trotzdem nicht verhindern konnte.
Am runden Tisch wurden Stühle zurechtgerückt. Der Sicherheitsrat hob den Kopf. Frau Vernunft wies darauf hin, dass Menschen in Gesprächen unterschiedliche Abstände bevorzugten. Herr Anstand betrachtete Josys Ehering. Meiner war ebenfalls noch da. Beide Ringe wirkten in diesem Moment erfreulich gut organisiert.
Die Tagesordnung lautete zunächst: Kollegiale Begrüßung nach dem Urlaub.
Der Sicherheitsrat beantragte den Zusatz: ungewöhnlich geringer Gesprächsabstand.
Frau Vernunft hielt das für voreilig.
Frau Hoffnung war bereits erschienen, obwohl sie nicht eingeladen worden war.
„War es schön?“, fragte Josy.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und überlegte.
„Die Orte waren schön.“
Josy sah mich ruhig an. Sie konnte das. Einen ansehen, ohne sofort eine Antwort aus einem herauszuziehen. Dadurch sagte man häufig mehr, als ursprünglich genehmigt worden war.
„Und der Rest?“
„War auch dabei.“
Sie neigte leicht den Kopf.
„Das klingt nach einem langen Urlaub.“
„Quer durch halb Europa.“
„Ich meinte nicht die Strecke.“
Natürlich nicht.
Josy arbeitete offiziell im Projektbereich. Inoffiziell schien sie manchmal für Zwischentöne zuständig zu sein. Eine gefährliche Position. Zwischentöne ließen sich nur schlecht dokumentieren und noch schlechter löschen.
„Es war viel“, sagte ich.
„Du siehst müde aus.“
„Danke.“
„So war das nicht gemeint.“
„Das macht es deutlich besser.“
Sie lachte leise und griff nach der Kaffeekanne hinter mir. Ihre Hand kam dabei dicht an meiner vorbei. Nicht berührt. Fast.
Es war nichts.
Also genau die Art von nichts, die einem auffiel.
Das innere Gremium nahm diesen Vorgang sofort in das Protokoll auf. Der Sicherheitsrat wollte wissen, ob „fast berührt“ bereits als Ereignis oder lediglich als technische Annäherung zu bewerten sei. Herr Anstand beantragte, überhaupt nichts zu bewerten. Frau Vernunft stimmte ihm zu. Frau Hoffnung hatte offenbar bereits eine eigene Mitschrift begonnen.
„Noch einen?“, fragte Josy.
„Ich habe schon.“
„Das sehe ich.“
„Dann war die Frage organisatorisch unnötig.“
„Vielleicht wollte ich nur wissen, ob du genug hast.“
Für einen Augenblick blieb es still zwischen uns. Nicht im Raum. Nur dort.
Ich sah sie an. Sie mich ebenfalls.
Leichte Elektrizität war schwer zu beweisen. Es gab dafür keine Kontrollleuchte, kein Messgerät und keine Meldung im System. Man merkte nur, dass etwas da war, und tat anschließend sehr vernünftig so, als sei die Beleuchtung schuld.
Josy wandte sich als Erste zur Kanne.
„Ich mache mir noch einen“, sagte sie.
„Gute Entscheidung.“
„Du weichst aus.“
„Ich stehe ziemlich gerade.“
Sie sah kurz an mir hinunter und wieder hoch.
„Körperlich vielleicht.“
„Mehr wurde heute noch nicht geprüft.“
Wieder dieses Lächeln. Dann trat sie einen halben Schritt zurück. Bewusst. Ich bemerkte es. Vermutlich bemerkte sie, dass ich es bemerkte. Und genau deshalb sagte keiner etwas dazu.
Das Gremium vermerkte die Wiederherstellung des vorgeschriebenen Abstands und wollte den Vorgang schließen. Nur Frau Hoffnung behielt ihre Unterlagen.
Man kann einem Menschen näher sein, ohne eine Grenze zu überschreiten. Das Problem ist nur, dass man die Grenze dafür erst einmal deutlich genug spüren muss. Josy und ich spürten sie. Vielleicht gerade deshalb fiel uns auch auf, was unmittelbar davor lag.
„Schön, dass du wieder da bist“, sagte sie.
Diesmal klang es nicht nach einer üblichen Begrüßung.
„Danke.“
Mehr nicht. Das reichte. Vielleicht auch, weil beidseitig klar war, dass es reichen musste.
Kurz darauf kam Thomas, mein Chef, in den Raum. Er war Mitte fünfzig, trug wie meistens ein dunkles Sakko ohne Krawatte und bewegte sich normalerweise mit der ruhigen Bestimmtheit eines Mannes, der auch dann wusste, wohin er ging, wenn alle anderen noch darüber abstimmten, ob überhaupt ein Weg vorhanden war. Er konnte freundlich sein, ohne beliebig zu wirken, und bestimmt, ohne gleich den gesamten Raum unter Verwaltung zu stellen. Wenn er eine Entscheidung getroffen hatte, klang sie meistens so, als wäre sie gemeinsam entstanden. Auch dann, wenn niemand von uns bei ihrer Entstehung anwesend gewesen war.
Heute wirkte er anders. Nicht unsicher. Aber schwerer. Seine Schultern waren leicht nach vorn gezogen. In seiner rechten Hand hielt er eine Tasse, aus der er nicht trank. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Mein Chef trank seinen Kaffee sonst mit einer Effizienz, die ich beruflich respektierte.
Er begrüßte einige Kollegen, lächelte und stellte Fragen. Alles korrekt. Nur eine Spur zu korrekt.
Die Sitzung des inneren Gremiums, die wegen Josys Nähe eigentlich gerade beendet werden sollte, wurde aufgrund neuer Hinweise verlängert. Der Tagesordnungspunkt „kollegiale Begrüßung“ wurde geschlossen. Neu aufgenommen wurde: auffälliges Verhalten der Führungskraft bei unbekannter Gefährdungslage.
Vielleicht ist er einfach müde, sagte Frau Vernunft.
Vielleicht hat er Rücken, ergänzte jemand aus einer hinteren Reihe, dessen genaue Zuständigkeit mir nicht bekannt war.
Vielleicht werden wir gleich alle befördert, sagte Frau Hoffnung.
Darauf reagierte niemand. Selbst Hoffnung sollte eine gewisse Restwahrscheinlichkeit beachten.
Mein Chef stellte seine Tasse ab und bat um Aufmerksamkeit. Die Gespräche wurden leiser und verstummten schließlich vollständig.
„Danke, dass ihr heute alle gekommen seid“, begann er. „Ich weiß, dass einige von euch ursprünglich anders geplant hatten.“
Mehrere Kollegen nickten. Ich ebenfalls. Damit war zumindest bestätigt, dass unsere privaten Planungen im Unternehmen statistisch erfasst worden waren.
„Wir stehen vor einigen Veränderungen. Die letzten Monate waren wirtschaftlich nicht einfach. Gleichzeitig haben wir viele Prozesse neu aufgestellt, Bereiche zusammengeführt und Abläufe effizienter gestaltet.“
Effizienter.
Ein schönes Wort.
Effizienz klang immer positiv, solange man nicht selbst der Teil war, der nach der Optimierung nicht mehr benötigt wurde.
Unser Chef sprach weiter. Über Marktbedingungen, Kosten, Strukturen und Zukunftssicherheit. All diese Wörter standen ordentlich nebeneinander. Keines sah direkt gefährlich aus. Gemeinsam bildeten sie trotzdem eine sehr eindeutige Gruppe.
„Wir werden heute mit einigen von euch Einzelgespräche führen“, sagte er schließlich. „Bitte bleibt zunächst hier. Wir holen euch nacheinander dazu.“
Im Raum veränderte sich etwas. Niemand bewegte sich. Und trotzdem war plötzlich alles anders.
Dennis sah auf den Boden. Claudia legte ihren Kugelschreiber neben ihre Tasse. Das war vermutlich das deutlichste Zeichen, dass die Lage ernst war. Marcel nahm einen Bissen von seinem Brötchen, kaute aber deutlich länger als notwendig. Josy stand wieder am Fenster. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ihr Lächeln war nicht verschwunden, aber anders. Vorsichtiger. Als hätte auch ihr Gesicht gerade eine wichtige Mitteilung erhalten.
Das innere Gremium erklärte die Sitzung wegen akuter Überlastung zur Krisensitzung. Der Sicherheitsrat verlangte eine sofortige Risikoanalyse. Die Abteilung Finanzen erschien unangemeldet und wollte wissen, ob bereits mit Einkommensausfällen zu rechnen sei. Herr Stolz bat darum, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Frau Vernunft erklärte, dass wir noch keinerlei konkrete Informationen hätten. Niemand hörte auf sie. Das war in Krisensitzungen offenbar üblich.
Der erste Kollege wurde aufgerufen. Ein Mann aus dem Innendienst, seit vielen Jahren im Unternehmen. Er ging mit meinem Chef und Katrin, einer Mitarbeiterin aus der Personalabteilung, in den Besprechungsraum. Die Tür schloss sich.
Danach tat der Raum so, als wäre er noch derselbe.
Menschen tranken Kaffee. Jemand räusperte sich. Ein Telefon vibrierte auf einem Tisch und wurde hastig ausgeschaltet, als hätte es gegen eine neue Verhaltensordnung verstoßen. Nach ungefähr zwanzig Minuten öffnete sich die Tür wieder. Der Kollege kam heraus, sah niemanden direkt an, ging zu seinem Platz, nahm seine Tasche und verschwand.
Niemand fragte etwas.
Das war vermutlich höflich.
Oder feige.
Manchmal sahen sich diese beiden Dinge erstaunlich ähnlich.
Die nächste Kollegin wurde aufgerufen. Dann ein weiterer Kollege. Einige kamen zurück und setzten sich wieder. Andere holten ihre Sachen. Manche hatten rote Augen. Andere nicht. Einer wirkte erleichtert, was entweder ein gutes Zeichen war oder bedeutete, dass er bereits länger auf eine Entscheidung gewartet hatte, die nun endlich jemand anderes getroffen hatte.
Die belegten Brötchen blieben liegen. Niemand hatte mehr Hunger. Der Kaffee wurde trotzdem weitergetrunken. Kaffee war in Krisen bemerkenswert loyal. Er stellte keine Fragen, verlangte keine Erklärung und wurde höchstens kalt. Menschen waren komplizierter. Menschen wurden still, laut, traurig oder plötzlich sehr interessiert an ihrem Handy.
Ich wartete. Zunächst ruhig. Dann weniger ruhig. Mein Name fiel nicht. Dennis wurde aufgerufen. Claudia ebenfalls. Marcel nicht.
Mit jedem Namen, der nicht meiner war, wurde die Sitzung in meinem Kopf unübersichtlicher. Der Sicherheitsrat forderte eine alphabetische Auswertung. Die Abteilung Organisation versuchte, aus der Reihenfolge der Aufrufe ein System zu erkennen. Die IT erklärte, dass eine zu kleine Datenbasis keine belastbare Prognose erlaube. Frau Hoffnung behauptete trotzdem, das späte Aufrufen könne ein gutes Zeichen sein. Herr Stolz fragte sie, worauf sie diese Annahme stütze.
„Gefühl“, sagte sie.
Daraufhin verließ die IT kurz die Sitzung.
Josy kam irgendwann zu mir und setzte sich auf die Kante des Schreibtisches neben meinem Platz.
„Alles okay?“, fragte sie leise.
Ich sah sie an.
„Eine gewagte Frage.“
„Ich weiß.“
„Dann lautet die sichere Antwort vermutlich: noch.“
Sie nickte.
„Du bist noch nicht aufgerufen worden.“
„Das ist mir aufgefallen.“
„Vielleicht ist das gut.“
„Oder sie arbeiten sich alphabetisch rückwärts vor.“
„Dann wäre ich vor dir dran.“
„Stimmt.“
„Ich war schon.“
Ich sah sie genauer an.
„Und?“
„Bei mir bleibt alles.“
Ein kurzer Moment der Erleichterung ging durch mich. Echt. Nicht nur für sie.
„Das freut mich.“
„Mich auch.“
Sie sah zur geschlossenen Tür des Besprechungsraums.
„Aber es fühlt sich gerade nicht richtig an, sich darüber zu freuen.“
„Dafür kannst du nichts.“
„Ich weiß.“
Sie sagte es, als wüsste sie es nicht ganz. Dann legte sie ihre Hand auf meinen Unterarm. Nur für einen Moment. Warm. Ruhig. Näher, als ich es gewohnt war.
Damit war das ohnehin schon tagende innere Gremium endgültig überlastet. Mehrere Abteilungen sprachen gleichzeitig. Der Sicherheitsrat beantragte eine zusätzliche Lagebewertung. Herr Anstand verwies erneut auf zwei vorhandene Eheringe. Frau Vernunft stellte fest, dass Trost nicht automatisch einen Grenzübertritt darstellte. Die Abteilung Gefühle bat darum, für einen Moment einfach nichts zu analysieren.
Dieser Antrag wurde überraschend angenommen.
Frau Hoffnung sagte trotzdem nichts.
Das war meistens verdächtig.
„Du hast hier so viel aufgebaut“, sagte Josy.
„Vielleicht möchten sie mir heute feierlich dafür danken.“
„Emir.“
„Ja.“
„Mach es nicht kleiner.“
Ich sah auf ihre Hand und dann wieder zu ihr. Sie nahm sie nicht sofort weg. Erst nach einem Atemzug. Vielleicht zwei.
„Egal, was gleich kommt“, sagte sie, „es ändert nichts daran, was du hier geleistet hast. Und auch nicht daran, wie viel du hier bedeutest.“
„Das klingt jetzt schon sehr nach Abschiedsrede.“
„So meinte ich es nicht.“
„Ich weiß.“
Sie blieb noch einen Augenblick vor mir stehen.
„Kommst du nachher zu mir?“
Die Frage war harmlos. Vollständig harmlos. Wahrscheinlich.
„Wegen des Projektzugangs“, ergänzte sie.
„Natürlich.“
„Nur deswegen.“
Sie lächelte leicht.
„Selbstverständlich.“
Da war sie wieder. Diese kleine Elektrizität. Nicht groß genug, um daraus etwas zu machen. Aber deutlich genug, um bewusst nichts daraus zu machen.
Dann wurde mein Name gerufen.
Der Besprechungsraum war kühl. Kühler als der Rest des Büros. Vielleicht lag es an der Klimaanlage. Vielleicht an der Verwendung. Mein Chef saß auf der anderen Seite des dunklen Tisches. Neben ihm die Katrin. Vor beiden lagen Unterlagen.
Zu viele Unterlagen für ein Lob.
Ich setzte mich. Katrin begrüßte mich freundlich. Mein Chef ebenfalls. Danach entstand diese kurze Stille, in der alle Beteiligten bereits wussten, worum es ging, aber noch niemand offiziell dafür zuständig sein wollte, es auszusprechen.
Meine Hände lagen vor mir auf dem Tisch. Die linke flach auf der dunklen Oberfläche, die rechte leicht daneben, als hätte sie im letzten Moment beschlossen, ein wenig Abstand zu halten. Ich betrachtete sie, ohne genau zu wissen, weshalb. Vielleicht, weil es einfacher war, auf meine Hände zu schauen als auf den Mann, der mir gegenübersaß.
Nahe dem Daumen entdeckte ich einen dünnen Kratzer. Nicht tief. Eigentlich kaum der Rede wert. Die Haut hatte sich bereits wieder geschlossen. Nur eine schmale rötliche Linie war zurückgeblieben.
Italien.
Eine etwas zu scharf geratene Holzkante an einem Tisch. Frühstück am frühen Morgen, bevor wir wieder ins Auto steigen wollten. Ich hatte nur nach meinem Glas gegriffen und war mit der Hand an der Unterseite der Tischplatte entlanggekommen.
„Natürlich“, hatte ich gesagt und auf den Kratzer geschaut. „Halb Europa überlebt, aber der Frühstückstisch besiegt mich.“
Lina hatte gelacht. Lara hatte nur den Kopf geschüttelt. Jana hatte mir wortlos eine Serviette gereicht.
Es war erst wenige Tage her. Der kleine Kratzer genügte, um den ganzen Morgen wieder in den Raum zu holen: den offenen Koffer im Flur, die Tüte mit den unterwegs übrig gebliebenen Dingen und das Gefühl, körperlich längst zurück zu sein, während ein Teil von mir noch irgendwo zwischen Italien, Paris und Amsterdam festhing.
Und nun saß ich hier.
Was sollte ich zu Hause sagen? Jana, Lina und Lara. Drei Menschen, drei unterschiedliche Arten, Dinge zu bemerken, und vermutlich drei Fragen, auf die ich noch keine gute Antwort hatte.
Ich stellte mir vor, wie ich die Haustür öffnete und sie mir ansahen, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht würde Jana gar nicht fragen. Vielleicht würde sie nur warten, bis ich von selbst sprach. Lina würde vermutlich sofort merken, dass mein Lächeln nicht echt war. Lara würde so tun, als hätte sie nichts bemerkt, und mich später in einem unbeobachteten Moment darauf ansprechen.
Oder vielleicht würde alles ganz anders kommen. Das Leben hielt sich bei schwierigen Gesprächen selten an vorher entworfene Dialoge. Es war schlecht vorbereitet und erstaunlich improvisationsfreudig.
„Es tut mir leid, Emir.“
Die Stimme meines Chefs holte mich zurück in den Raum. Ich hob den Blick. Er hatte die Hände ineinandergelegt. Seine Schultern waren noch immer leicht nach vorn gezogen. Auf seinem Gesicht lag dieser Ausdruck, den Menschen annahmen, wenn sie etwas sagen mussten, das ihnen selbst unangenehm war, dessen Folgen aber ein anderer tragen würde.
Er sah müde aus.
Nicht von diesem Morgen.
Von der Entscheidung.
„Ich weiß, wie widersprüchlich das klingt“, fuhr er fort. „Gerade durch deine Arbeit sind inzwischen so viele Abläufe strukturiert und automatisiert, dass wir den Bereich künftig mit deutlich weniger Personal abdecken können.“
Die Überlastung erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt. Das innere Gremium, das ohnehin schon in einer Krisensitzung festsaß, erklärte nun offiziell den Ausnahmezustand. Mehrere Mitglieder standen gleichzeitig auf. Unterlagen wurden verteilt, obwohl niemand wusste, woher sie kamen. Der Sicherheitsrat verlangte Ruhe und sprach dabei am lautesten.
Strukturiert.
Die Abteilung Leistung nickte.
Automatisiert.
Die IT fühlte sich kurz zuständig.
Weniger Personal.
Der Sicherheitsrat stand vollständig auf.
Mehrere Stimmen redeten gleichzeitig.
Das musst du erst einmal schaffen.
Andere arbeiten schlecht und behalten ihren Job.
Du arbeitest gut und verlierst deinen.
Vielleicht hätte ein wenig mehr Chaos deine Stelle gerettet.
Die Abteilung Selbstschutz beantragte Humor. Herr Stolz war dagegen. Frau Vernunft verlangte vollständige Einsicht in die Unterlagen. Die Abteilung Finanzen fragte bereits nach Kündigungsfrist und Resturlaub. Der Betriebsrat wollte wissen, ob wir überhaupt einen Betriebsrat hätten.
Das wusste niemand.
Vermutlich war diese Information ebenfalls effizient abgelegt worden.
„Wir werden deine Stelle betriebsbedingt abbauen“, sagte mein Chef. „Das hat nichts mit deiner Leistung zu tun. Im Gegenteil.“
Im Gegenteil.
Auch ein bemerkenswertes Konzept.
Man verlor seinen Arbeitsplatz nicht trotz guter Leistung, sondern wegen ihr.
Ich hatte damals als einziger Mitarbeiter in der IT angefangen. Ich sollte aufräumen, hatte man mir gesagt. Struktur schaffen. Die Dokumentation vereinheitlichen. Geräte erfassen. Zugänge ordnen. Abläufe nachvollziehbar machen. Wiederkehrende Aufgaben automatisieren. Dafür sorgen, dass nicht jedes kleine Problem jedes Mal von vorne gelöst werden musste.
Ich hatte genau das getan.
Aus handschriftlichen Notizen waren nachvollziehbare Dokumentationen geworden. Aus einzelnen Lösungen feste Abläufe. Aus einem Bereich, in dem vieles nur funktionierte, weil irgendjemand wusste, wie es ging, war ein System entstanden, das nicht mehr von einzelnen Personen abhängig sein sollte.
Passwörter lagen nicht mehr in Schubladen, unter Tastaturen oder im persönlichen Gedächtnis eines Mitarbeiters, der grundsätzlich dann Urlaub hatte, wenn man ihn dringend brauchte. Geräte waren erfasst. Zugänge dokumentiert. Backups liefen automatisch. Wiederkehrende Aufgaben ebenfalls. Ich hatte Skripte geschrieben, Abläufe vereinfacht, Fehlerquellen beseitigt und dafür gesorgt, dass der Bereich auch dann funktionierte, wenn ich nicht da war.
Das war das Ziel gewesen.
Offenbar hatte ich es erreicht.
Sehr erreicht.
Zu erreicht.
Ich hatte die Hälfte der Arbeit automatisiert, den Personalbedarf gesenkt und offenbar auch meine eigene Stelle überflüssig gemacht. Das war eine Form beruflicher Konsequenz, die man in Bewerbungsratgebern eher selten erwähnte.
„Es ist in Ordnung“, sagte ich und lächelte.
Thomas sah mich einen Moment lang an, als versuche er herauszufinden, ob ich das ernst meinte. Ich selbst wusste es nicht. Vielleicht war es in Ordnung. Vielleicht würde es irgendwann in Ordnung sein. Vielleicht war dieser Satz auch nur die schnellste Möglichkeit, dem Raum etwas von seiner Schwere zu nehmen.
Katrin erklärte mir die nächsten Schritte. Kündigungsfrist, Freistellung, Unterlagen, Arbeitszeugnis, Resturlaub. Sie sprach ruhig und deutlich. Vermutlich hatte sie gelernt, solche Sätze so auszusprechen, dass sie weder kalt noch zu mitfühlend klangen. Eine schwierige berufliche Zwischenlage. Man sollte Anteilnahme vermitteln, ohne den Eindruck zu erwecken, selbst für die Entscheidung verantwortlich zu sein. Im Grunde eine Art emotionaler Kundenservice.
Ich hörte zu. Zumindest äußerlich.
Innerlich wurde bereits gerechnet. Miete. Kredit. Lebensmittel. Kinder. Der Urlaub, der gerade erst bezahlt worden war. Ein Auto, das nicht allein aus emotionaler Verbundenheit weiterfahren würde.
Die Abteilung Finanzen übernahm innerhalb des inneren Gremiums vorübergehend den Vorsitz und öffnete mehrere Tabellen gleichzeitig. Der Sicherheitsrat verlangte sofortige Maßnahmen. Frau Vernunft sagte, dass wir erst einmal nach Hause fahren sollten. Herr Stolz erinnerte daran, dass im Nebenraum Kollegen saßen. Die Abteilung Gefühle hielt sich nicht an die Tagesordnung und stellte einen Eilantrag auf allgemeine Überforderung.
Der Antrag wurde ohne Gegenstimme angenommen.
„Hast du Fragen?“, fragte die Katrin.
Ich sah auf die Unterlagen.
„Kann ich die Automatisierungen wieder zurückbauen?“
Für einen kurzen Augenblick war es vollkommen still. Thomas sah mich an. Dann musste er lachen. Nicht laut, aber ehrlich. Auch Katrin lächelte, obwohl sie vermutlich nicht sicher war, ob das erlaubt war.
„Nein“, sagte er. „Das wäre vermutlich nicht im Sinne des Unternehmens.“
„Schade. Ich hätte jetzt Kapazitäten.“
Das Lächeln blieb kurz im Raum und verschwand dann wieder. Er atmete aus.
„Emir, ich meine das ernst. Deine Arbeit war außergewöhnlich gut. Du hast hier sehr viel verändert.“
„Das ist ja offenbar das Problem.“
„Nein.“
„Ein kleines bisschen schon.“
Er senkte kurz den Blick.
„Ja“, sagte er schließlich. „Ein kleines bisschen.“
Das war vermutlich der ehrlichste Satz des Gesprächs.
Ich nickte langsam und stand auf. Thomas erhob sich ebenfalls und streckte mir die Hand entgegen. Ich sah kurz darauf, zögerte aber nicht. Statt sie zu nehmen, trat ich um den Tisch herum und umarmte ihn.
Vermutlich etwas zu fest.
Er versteifte sich für einen Augenblick. Nicht aus Ablehnung. Eher aus Überraschung. Thomas war ein Mann, der Aufgaben, Zahlen und Entscheidungen sehr gut halten konnte. Menschen vermutlich auch. Nur nicht immer ohne Vorwarnung.
Dann erwiderte er die Umarmung.
„Es war wirklich eine sehr schöne Zeit mit dir“, sagte ich. „Und auch mit den anderen hier.“
Meine Stimme blieb ruhig. Nur bei den letzten Worten wurde sie etwas leiser.
„Das war es für uns auch“, sagte er. „Wirklich.“
Wir lösten uns voneinander.
„Ich werde dir ein sehr gutes Zeugnis ausstellen.“
„Dann hat sich das Ganze ja gelohnt.“
„Emir.“
„Entschuldigung. Die Abteilung Selbstschutz arbeitet heute ohne Pause.“
Er nickte. Vielleicht verstand er es. Vielleicht auch nicht vollständig. Aber genug.
Als ich in den Gemeinschaftsraum zurückkam, sahen mehrere Kollegen sofort zu mir. Nicht alle. Einige schauten absichtlich nicht. Auch das war eine Form des Mitgefühls.
Dennis stand an einem Tisch und drehte seine Tasse zwischen den Händen. Claudia hatte ihren Kugelschreiber wieder aufgenommen, schrieb aber nichts. Marcel lehnte an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Josy stand dort, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Nur dass sie jetzt nicht mehr am Fenster war.
Sie kam direkt auf mich zu.
„Und?“, fragte sie leise.
Ich hob die Unterlagen etwas an.
„Meine Arbeit war so gut, dass sie künftig ohne mich auskommt.“
Sie sah mich an. Kein Lächeln. Kein Trostsatz, der zu schnell kam. Nur dieser Blick.
„Sie haben dich gekündigt.“
„Betriebsbedingt.“
„Das ist dasselbe mit Aktenzeichen.“
Ihre Augen wurden feucht. Nicht stark. Nur sichtbar genug.
„Das ist nicht fair.“
„Es ist effizient.“
„Hör auf.“
Ihre Stimme war nicht laut, aber bestimmt.
Ich schwieg.
Sie trat näher. Wieder näher, als ich es von anderen gewohnt war. Diesmal ohne die kleine spielerische Unsicherheit von vorher. Ohne Elektrizität, die noch leicht gewesen wäre. Oder vielleicht war sie noch da. Nur unter etwas Schwererem.
Josy legte beide Arme um mich. Nicht lange. Nicht unangemessen. Aber auch nicht flüchtig. Ich erwiderte die Umarmung vorsichtig. Bewusst vorsichtig. Ihr Gesicht lag einen Augenblick nahe an meiner Schulter. Ich spürte ihren Atem, den Stoff ihrer Bluse und ihre Hand zwischen meinen Schulterblättern.
Das innere Gremium war nach der bisherigen Überlastung kaum noch arbeitsfähig. Der Sicherheitsrat hob noch einmal die Hand, zog sie aber schnell zurück. Herr Anstand sah auf die beiden Ringe und entschied, dass nicht jeder nahe Moment eine Gefahr war. Frau Vernunft nickte. Die Abteilung Gefühle bat darum, diesen Augenblick nicht zu zerlegen.
Frau Hoffnung schaute weg.
Vielleicht aus Respekt.
Dann lösten wir uns voneinander. Josy blieb noch nah vor mir stehen.
„Du wirst etwas Neues finden“, sagte sie.
„Das behauptet das Arbeitsamt vermutlich auch.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich weiß.“
„Und du weißt, dass du gut bist.“
„Technisch wurde das heute bestätigt.“
„Nicht nur technisch.“
Unsere Blicke blieben einen Moment länger ineinander. Dort war wieder etwas. Leise. Warm. Vollkommen unbrauchbar für diesen Tag. Und gleichzeitig schön. Vielleicht gerade deshalb.
Dann trat sie einen Schritt zurück. Ich ebenfalls.
Grenzen konnten traurig sein und trotzdem richtig.
„Meldest du dich?“, fragte sie.
„Wegen des Projektzugangs?“
Sie lächelte schwach.
„Natürlich.“
„Selbstverständlich.“
Mehr sagten wir nicht. Natürlich war da mehr. Aber gesagt wurde nur das.
Ich verabschiedete mich von den anderen. Dennis umarmte mich und klopfte mir zu oft auf den Rücken. Es war vermutlich sein Versuch, mehrere Sätze körperlich zu übertragen. Claudia drückte mir wortlos ein Brötchen in die Hand, als müsse wenigstens meine Versorgung bis zum Parkplatz gesichert sein. Marcel reichte mir erst die Hand, zog mich dann aber ebenfalls in eine kurze Umarmung.
„Das ist scheiße“, sagte er.
Marcel war nicht für komplizierte Formulierungen bekannt.
Manchmal war das genau richtig.
„Ja“, sagte ich. „Ein wenig.“
„Was machst du jetzt?“
Ich sah auf das Brötchen in meiner Hand.
„Vermutlich erst einmal das hier essen.“
Er nickte.
„Guter Plan.“
Mein Arbeitsplatz sah aus wie immer. Bildschirme, Tastatur, eine Tasse, einige Notizen, ein kleines Werkzeugset, Kabel und Adapter. Dinge, die ich so ordentlich sortiert hatte, dass jemand anderes sie ohne mich finden konnte.
Wieder diese verdächtige Effizienz.
Ich nahm meine persönlichen Sachen aus der Schublade. Es war nicht viel: ein Ladekabel, zwei Stifte und eine kleine Tüte Bonbons. Auf dem Tisch stand außerdem ein Foto von Jana und den Mädchen. Ich hatte es lange nicht mehr bewusst angesehen, obwohl es jeden Tag neben meinem Bildschirm gestanden hatte.
Ich nahm es in die Hand und legte es vorsichtig in meine Tasche.
Als ich den Rechner herunterfuhr, erschien die übliche Meldung: Wird heruntergefahren.
Kein Hinweis darauf, ob damit nur das Gerät gemeint war.
Ich wartete, bis die Bildschirme schwarz wurden. Dann ging ich.
Thomas begleitete mich noch bis zur Bürotür. Wir sagten nichts mehr. Es war bereits genug gesagt worden. Ich griff nach der Klinke und blieb einen Moment stehen.
Hinter mir lag ein Arbeitsplatz, den ich geordnet hatte. Ein Bereich, den ich aufgebaut hatte. Menschen, mit denen ich gelacht, gearbeitet und viel zu viel Kaffee getrunken hatte.
Josy blieb ebenfalls dort.
Dieser Gedanke fiel mir auf. Nicht laut. Nicht als Hoffnung. Eher als Feststellung. Sie blieb Teil eines Ortes, den ich verlassen musste. Vielleicht würden wir schreiben. Vielleicht nicht. Vielleicht würde sie irgendwann nur noch ein Name aus einem früheren Abschnitt sein. Menschen verschwanden selten vollständig. Manchmal blieben sie in einem Satz, einer Erinnerung oder in der Kontaktliste eines Telefons, durch die man gelegentlich scrollte, ohne jemanden anzurufen.
Vor mir wartete ein Zuhause mit einem halb ausgepackten Koffer und drei Menschen, denen ich erklären musste, dass sich unser Leben schon wieder verändert hatte.
Draußen traf mich die Wärme. Die Sonne stand noch immer über der Straße, als hätte sie von all dem nichts mitbekommen. Vermutlich hatte sie das auch nicht. Die Sonne führte keine Personalgespräche. Sie erschien einfach und überließ die Folgen anderen.
Ich ging zu meinem Auto, legte die Tasche auf den Beifahrersitz und blieb einen Moment hinter dem Lenkrad sitzen. Meine Hände lagen darauf. Die linke oben, die rechte etwas tiefer. Nahe dem Daumen der dünne Kratzer aus Italien.
Halb Europa überlebt.
Vom Frühstückstisch verletzt.
Vom eigenen Erfolg arbeitslos gemacht.
Das musst du erst einmal schaffen, sagte eine Stimme in mir.
Das innere Gremium war nach diesem Tag erschöpft. Die Sitzung war offiziell noch nicht beendet, aber niemand hatte mehr die Kraft, einen Beschluss zu formulieren. Der Sicherheitsrat verlangte einen neuen Plan. Die Abteilung Finanzen wollte Zahlen. Herr Stolz bestand darauf, dass die Kündigung nichts an meiner Leistung änderte. Frau Vernunft sagte, wir sollten zunächst nach Hause fahren und mit der Familie sprechen.
Frau Hoffnung saß am Ende des Tisches.
Sie sagte nichts.
Aber sie ging auch nicht.
Ich startete den Motor.
Im Navigationssystem war noch die Heimatadresse gespeichert. Ich musste nichts eingeben. Das Auto wusste, wohin ich wollte.
Nur ich wusste noch nicht, wie ich dort ankommen sollte.
Ich hatte geglaubt, die große Reise sei beendet.
Dabei hatte die nächste begonnen, noch bevor wir unsere Koffer vollständig ausgepackt hatten.
Die Geschichte endet hier nicht – sie beginnt erst.
Diese kostenlose Vorgeschichte endet dort, wo Emirs Weg in die Welt von Der neue Job beginnt. Sie ist nicht Bestandteil von Band 1.
In Band 1 weiterlesen:
Der neue Job – Ein Einstieg mit Umwegen – Erster Abschnitt
Das E-Book ist auch über Kindle Unlimited verfügbar.
Höre den Song zu diesem Kapitel, lerne die Menschen hinter diesem Tag kennen oder entdecke mehr aus der Welt von Der neue Job.